
Der Fitnessmarkt boomt. Seit Corona wächst er stetig weiter. Ein Milliardenmarkt. Gesundheit scheint machbar, trainierbar, optimierbar. Schließlich liegen das eigene Wohlbefinden und die eigene Zukunft vermeintlich komplett in der eigenen Hand.
Das überrascht nicht: Der Mensch war schon immer ein Wesen, das sich weiterentwickeln musste. Früher noch, um in einer Umwelt zu überleben, der er körperlich in vielerlei Hinsicht unterlegen war. Seine besondere Stärke lag dabei nicht allein in individueller Leistungsfähigkeit, sondern auch in Kooperation, sozialem Lernen und der Fähigkeit, seine Umwelt immer stärker zu gestalten. Vom Feuer über das Rad, von Maschinen bis zu künstlicher Intelligenz: Menschlicher Fortschritt war immer auch der Versuch, die eigenen Grenzen zu verschieben. Es liegt also nahe, dass dieser Impuls tief in unserer Geschichte verankert ist.
Doch in den letzten Jahren scheint sich ein Wandel vollzogen zu haben: ein Shift von einem stärker kollektiven Fortschrittsglauben, die Menschheit als Ganzes weiterzuentwickeln, hin zum individualisierten Selbstoptimierungsprojekt. Und diese Verschiebung irritiert, oder besser: entsetzt. Nicht mehr wir sollen uns entwickeln, sondern ich. Ich bin verantwortlich für meine Leistung, meine Gesundheit, mein Glück.
Vielleicht hat sich dabei auch die Richtung unseres Wettbewerbs verändert. Wo Fortschritt früher stärker als kollektive Errungenschaft erschien, richtet sich der Vergleich heute zunehmend auf das Individuum. Wir messen uns untereinander. Bis hinein in die feinsten Details unserer Körper, Routinen und Gedanken. Der Gedanke, dass man selbst seines Glückes Schmied ist, ist verführerisch und gleichzeitig gefährlich. Denn Selbstverantwortung kann schnell in Selbstüberforderung kippen und Selbstoptimierung zur neuen Religion werden: mit schwerwiegenden Folgen.
Wenn körperliche Fitness nicht mehr reicht
Lange Zeit galt körperliche Fitness als Inbegriff von Gesundheit. Sport, Ernährung, Supplements, Health-Apps. All das prägt eine Generation, die ihre Leistungsfähigkeit misst, zählt, teilt.
Schritte werden gezählt, Schlaf auf REM-Phasen optimiert. Die Smartwatch begleitet uns rund um die Uhr - selbst im Schlaf.
Doch körperliche Fitness scheint als Optimierungsprojekt zunehmend an ihre Grenzen zu stoßen. Running-Clubs füllen die Städte, Fitnesscoaches sprießen aus dem Boden, immer neue Routinen versprechen noch bessere Ergebnisse und trotzdem scheint das Versprechen körperlicher Optimierung allein nicht auszureichen. Viele Menschen fühlen sich trotzdem erschöpft. Vielleicht lohnt deshalb sogar die umgekehrte Frage: Sind wir trotz all dieser Optimierungsangebote erschöpft, oder zum Teil gerade wegen des gesellschaftlichen Drucks, uns permanent verbessern zu müssen?
Genau hier scheint der Selbstoptimierungsmarkt das nächste Feld entdeckt zu haben: unsere Psyche. Begriffe und Praktiken rund um mentale Gesundheit werden zunehmend Teil derselben Optimierungslogik. Mentale Stärke, Resilienz und Fokus werden zu den nächsten Optimierungsgrößen. Zum monatlichen Marathon kommen die tägliche Meditation, Journaling und Achtsamkeit. Wir bräuchten nur ein starkes Mindset und genügend Affirmationen, zusätzlich zum gestählten Körper.
Dass psychische Gesundheit heute mehr Aufmerksamkeit erhält, ist zweifellos ein Fortschritt. Körper und Psyche gehören zusammen. Problematisch wird es dort, wo aus psychischer Gesundheit „Mental Fitness“ und aus Selbstfürsorge erneut Selbstoptimierung wird.
Das vergessene Dritte: das Soziale
Doch: Gesundheit entsteht nicht im stillen Kämmerlein. In Medizin und Psychologie sprechen wir vom bio-psycho-sozialen Modell. Körper, Psyche und soziales Miteinander sind keine getrennten Sphären, sondern beeinflussen sich wechselseitig.
Wer körperlich gesund, aber psychisch überfordert ist, erlebt keine Gesundheit im ganzheitlichen Sinne. Wer mental stark, aber sozial isoliert ist, ebenso wenig. Es braucht Balance zwischen diesen drei Polen. Das Soziale ist der oft vergessene dritte Faktor. Ohne Resonanz, Zugehörigkeit und Verbindung bleiben selbst die besten Routinen leer. Wir können uns nicht „gesund denken“. Wir werden gesund im Kontakt.
Gerade dieser Aspekt trägt eine gewisse Tragik in sich: Man sollte meinen, dass technologischer Fortschritt und globale Vernetzung den sozialen Kontakt erleichtern müssten. Und tatsächlich war es wohl nie einfacher, miteinander in Verbindung zu treten. Doch mehr Vernetzung bedeutet offenbar nicht automatisch mehr Verbundenheit. Trotz permanenter digitaler Erreichbarkeit erleben viele Menschen Einsamkeit.
Fitness-Apps wie Strava könnten als Logbuch oder Community genutzt werden, tragen aber gleichzeitig wieder die Ebene der Bewertung und des Vergleichs in sich. Andere laufen mehr, schneller, weiter. Selbst dort, wo Gemeinschaft entstehen könnte, ist der Vergleich also nicht weit.
Von der Pathogenese zur Salutogenese
Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Körperliche, psychische und soziale Prozesse wirken dabei fortwährend aufeinander ein. Eine Perspektive, die den Blick weg von der bloßen Entstehung und Vermeidung von Krankheit und hin zu den Bedingungen von Gesundheit richtet, ist die Salutogenese. Sie fragt vereinfacht nicht nur: Was macht uns krank? Sondern vor allem: Was hält uns gesund? Übertragen auf Beziehungen erweitert sich diese Frage: Was hält uns gesund – in der Beziehung zu uns selbst, zu anderen und zu der Welt, in der wir leben?
Was wir brauchen, ist vielleicht weniger das Mehr an Training, Ernährung oder Mindset, sondern die Fähigkeit, Balance zu halten. Balance zwischen körperlichen, psychischen und sozialen Bedürfnissen und Anforderungen. Denn die Maximierung eines Bereichs geschieht schnell auf Kosten eines anderen:
Wer seinen Körper permanent an seine Leistungsgrenze bringt, nimmt ihm die notwendige Regeneration. Wer sich ausschließlich auf mentale Stärke fokussiert, läuft Gefahr, die Signale des eigenen Körpers zu übergehen. Und wer soziale Beziehungen vernachlässigt, kann trotz körperlicher und mentaler Leistungsfähigkeit Resonanz, Zugehörigkeit und Sinn verlieren.
Gesundheit entsteht, wenn wir lernen, alle Ebenen, körperlich, psychisch und sozial, in Beziehung zueinander zu halten. Vielleicht beginnt genau hier eine andere Form von Fitness: die Fähigkeit, sich selbst, andere und die Anforderungen des Lebens miteinander in Einklang zu bringen. Das bedeutet allerdings auch, auf Maximierung zu verzichten. Wer versucht, einen einzelnen Bereich seines Lebens bis an die Grenze zu optimieren, muss die dafür notwendige Energie zwangsläufig an anderer Stelle abziehen. Denn auch Selbstoptimierung kann die Nullsummenlogik nicht austricksen: Mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Energie an der einen Stelle bedeuten zunächst weniger an einer anderen. Gesundheit könnte deshalb gerade nicht darin bestehen, überall das Maximum herauszuholen, sondern darin, ein tragfähiges Verhältnis zwischen den verschiedenen Anforderungen des Lebens herzustellen. Und dieser Verzicht erfordert Mut.
Mich erinnert das an die alte Debatte zwischen Spezialisten und Generalisten. In vielen Bereichen lohnt es sich, Spezialist zu sein. Bei unserer Gesundheit könnte jedoch ausgerechnet der Generalist im Vorteil sein. Der "salutogene Generalist" maximiert nicht einen einzelnen Bereich seines Lebens. Er versucht, körperliche, psychische und soziale Anforderungen so miteinander zu verbinden, dass das Ganze tragfähig bleibt. Dann müssen wir dafür aber leider akzeptieren, in einzelnen Bereichen weniger als das theoretisch Mögliche zu erreichen.
Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung also nicht darin, noch fitter, stärker, resilienter und effizienter zu werden. Vielleicht besteht sie darin, das Streben nach dem Maximum dort aufzugeben, wo es dem Ganzen schadet. Und vielleicht müssen wir uns dafür mit einem Gedanken anfreunden, der in einer Welt permanenter Selbstoptimierung beinahe wie eine Provokation klingt.
Also formuliere ich für meinen Zweck - und mit einem großen Augenzwinkern - Kant ein wenig um:
„Habe den Mut, dich deiner eigenen Mittelmäßigkeit zu ergeben.“

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