Offenes Notizbuch mit Stift und Tasse auf einem Holztisch vor einem Weg, der bei Sonnenuntergang durch eine Berglandschaft führt.

Warum diese Webseite anders geworden ist als geplant...

Dr. Klaus-Dieter Dohne17.08.2610 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit sagte jemand zu mir: „Die Texte sind zu lang.“ Eigentlich kein besonderer Satz. Wahrscheinlich habe ich ihn im Laufe der Jahre mehrfach gehört. Und trotzdem blieb er hängen. Menschen lesen heute anders, hieß es. Schneller und kürzer. Man müsse Aufmerksamkeit gewinnen, früh auf den Punkt kommen und möglichst sofort deutlich machen, welchen Nutzen ein Text und die Webseite haben.

Eigentlich vernünftige Gedanken und deshalb haben sie mich auch nicht geärgert. Was mich immer wieder beschäftigt hat, war etwas anderes. Warum dieser Satz in mir so viel Widerstand auslöst? Eher dieses leise Gefühl, das manchmal auftaucht, wenn etwas logisch klingt und sich trotzdem nicht richtig anfühlt. Fast wie ein kleiner Stein im Schuh. Man kann weitergehen. Aber man merkt bei jedem Schritt, dass da etwas ist.

Damals begann ich mich zu fragen:

Schreibe ich eigentlich noch so, wie ich denke und fühle? Oder beginne ich allmählich so zu schreiben, wie man heute schreiben soll oder das irgendwelche anderen es gut finden?

Wenn ich ehrlich bin, beginnt diese Geschichte allerdings viel früher, schon lange bevor es diese Webseite gab. Lange bevor ich angefangen habe, über salutogene Beziehungen, Gesundheit, soziale Systemeoder systemisches Denken nachzudenken. Sie beginnt mit Erfahrungen, die ich mit Menschen erleben konnte, und vermutlich damit, dass Menschen mich schon immer mehr interessiert haben als Konzepte.

Drei Worte, die geblieben sind

Ich denke immer wieder Mal an einen Geschäftsführer zurück. Das ist viele Jahre her und als er das erste Mal vor mir saß, dachte ich: Der braucht mich eigentlich gar nicht. Es läuft doch rund.

Die Organisation lief gut, die Zahlen stimmten. Er war für viele Vorbild und die Menschen orientierten sich an ihm. Von außen betrachtet war er erfolgreich. Im Gespräch sprach er über Stress und Belastung, Unzufriedenheit mit seiner Organisation, über Verantwortung und über den täglichen Druck. Besonders über die Schwierigkeit, allem gerecht werden zu wollen.

Ich hörte zu, und während er sprach, hatte ich plötzlich das Gefühl: Irgendetwas passt nicht ganz zusammen, irgendetwas stimmt nicht. Bis heute kann ich nicht sagen, warum. Vielleicht war es etwas in seinem Blick. Vielleicht die Art, wie er bestimmte Dinge erzählte oder einfach nur eine Intuition.

Irgendwann fragte ich: „Und mit wem sprechen Sie darüber?“

Er schaute mich an und es entstand eine Pause. Eine dieser Pausen, die man als Berater kaum aushält, weil man das Bedürfnis hat, etwas zu sagen. Zum Glück habe ich gewartet, denn nach einer Weile sagte er:

„Eigentlich mit niemandem.“

Mehr nicht. Drei Worte. Und trotzdem hatte ich plötzlich das Gefühl, dass wir dem eigentlichen Thema nähergekommen waren als in der ganzen Stunde zuvor.

Auf der Heimfahrt ging mir dieser Satz nicht aus dem Kopf. Eigentlich mit niemandem. An einer roten Ampel fragte ich mich, weshalb mich ausgerechnet diese drei Worte so beschäftigen. Schließlich war im Gespräch viel mehr gesagt worden. Über Belastung, Verantwortung und über Stress. Und trotzdem war es dieser Satz, der geblieben war. Damals wusste ich noch nicht genau warum. Ich wusste nur, dass ich hinschauen wollte.

Die Großmutter

Einige Jahre später musste ich plötzlich wieder an diesen Geschäftsführer denken. Und zwar wegen einer Frau, die eigentlich gekommen war, um selbstbewusster zu werden. Es hatte nichts mit unternehmerischen Fragestellungen oder den Problemen des Geschäftsführers zu tun.

Während sie sprach, hatte ich dasselbe Gefühl wie damals, dass irgendetwas, nicht zusammenpasst. Sie wusste sehr viel, hatte Bücher gelesen, Seminare besucht und hart an sich gearbeitet. Eigentlich hatte sie alles getan, was man vernünftigerweise tun kann. Und doch sprach sie mit sich selbst auf eine Weise, wie ich und vermutlich auch sie nie mit einem anderen Menschen gesprochen hätte. Hart, Streng und Unerbittlich.

Irgendwann fragte ich: „Gab es Menschen in Ihrem Leben, bei denen Sie das Gefühl hatten, genau richtig zu sein?“

Sie schwieg und in diesem Moment dachte ich schon, die Frage sei vielleicht zu persönlich gewesen. Plötzlich begann sie von ihrer Großmutter zu erzählen, von einem Garten, von Sommernachmittagen und einem besonderen Blick. Letztlich von einem Gefühl.

Und während sie erzählte, geschah etwas Merkwürdiges. Obwohl die gleichen Probleme noch da waren, veränderte sich etwas. Ihre Stimme wurde ruhiger, weicher und lebendiger. Obwohl die gleiche Frau immer noch vor mir saß, war diese kleine Veränderung spürbar. Aber manchmal reichen kleine Veränderungen.

Plötzlich spürt man: Dass es jetzt um etwas Wesentliches geht.

Nachdem sie gegangen war, blieb ich noch eine Weile sitzen. Über Selbstbewusstsein dachte ich erstaunlich wenig nach. Stattdessen musste ich die ganze Zeit an ihre Großmutter und deren Garten denken. Und an die Frage, warum wir so häufig versuchen, persönliche Probleme zu lösen, während wir vielleicht eigentlich über Zugehörigkeit sprechen.

Ich hatte keine Antwort. Die Frage blieb, ohne dass ich eine Antwort hatte. Aber manche Fragen verändern bereits die Richtung eines Weges.

Zwischen den Menschen

Vielleicht wurde ich deshalb im Laufe der Jahre immer aufmerksamer für das, was zwischen Menschen geschieht. Nicht was in einem einzelnen stimmt oder nicht stimmt, sondern wie das von dem abhängt, was zwischen Menschen geschieht.

Wenn ich mit Teams arbeitete, wurde mir das besonders deutlich. Ich erinnere mich an ein Team, das seit Monaten in Konflikten feststeckte und keine guten Ergebnisse mehr erzielte. Es gab Workshops, Moderationen, Zielvereinbarungen und Maßnahmenpläne. Auf dem Papier wurde viel getan, mit viel Aktionismus und doch schien sich kaum etwas zu verändern.

Irgendwann stellte ich eine Frage, die eigentlich nebensächlich war: „Wann haben Sie zuletzt etwas Wertschätzendes über die anderen gesagt, obwohl diese gar nicht im Raum waren?“

Zunächst reagierte niemand. Dann sagte einer der Teilnehmer: „Mir wird gerade klar, dass wir seit Monaten über Prozesse sprechen und nicht mehr über Menschen mit unseren Bedürfnissen.“

Ich erinnere mich noch heute daran, wie mich dieser Satz traf. Nicht nur, dass er etwas über dieses Team sagte, sondern darüber hinaus auch etwas über unsere Zeit. Ja sogar etwas über mich selbst, weil ich viele Jahre versucht hatte, Menschen besser zu verstehen. Ich nutzte dazu unterschiedlichste Modelle, Konzepte und Theorien.

Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich liebe gute praktikable Modelle bis heute. Aber immer häufiger entstand in mir der Eindruck, dass das Wesentliche oft nicht in und mit den Modellen geschieht. Sondern in den Räumen dazwischen, dort, wo Menschen einander begegnen. Oder aufhören, einander zu begegnen.

Warum ich Geschichten mag

Noch etwas begann mich zu irritieren. Die Gespräche, die fachlich am brillantesten waren, waren oft nicht die wirksamsten. Das hat mich lange beschäftigt. Die Menschen kamen mit Fragen und ich gab Antworten.Manchmal sogar ziemlich gute, wie ich fand. Sie machten sich Notizen und nickten und bedankten sich. Und trotzdem hatte ich oft das Gefühl, dass nicht viel passiert war, sondern dass alles so weiterging.

Andere Gespräche verliefen völlig anders. Jemand erzählte eine Geschichte und dann blieben wir an einer Frage hängen. Es entstanden Pausen, weil niemand sofort wusste, wie es weitergehen kann. Und plötzlich sagte jemand:

„Ah, jetzt verstehe ich etwas oder mir ist etwas klar geworden.“

Und nicht: „Jetzt haben Sie mir etwas erklärt.“ sondern: „Jetzt verstehe ich etwas.“

Dieser Unterschied hat mich über die Jahre immer mehr beschäftigt. Denn die wirklichen Veränderungen schienen häufig nicht in den Momenten zu entstehen, in denen ich besonders klug war. Sondern in den Momenten, in denen etwas aufgetaucht war, das niemand geplant hatte. Das konnte eine Erinnerung sein, ein Bild, eine Frage oder eine Geschichte.

Vielleicht mag ich deshalb so gern Geschichten. Weil sie Türen öffnen und keine Lösungen liefern. Und weil Menschen selten durch fremde Lösungen wachsen. Meist wachsen sie durch eigene Entdeckungen.

Der Abend mit Johnny Cash

Vielleicht war ich genau deshalb für diese Filmszene empfänglich. Eigentlich hatte ich Walk the Line längst gesehen. Mehrfach sogar. Aber manchmal begegnet man einem Gedanken erst dann wirklich, wenn man bereit für ihn geworden ist.

Eines Abends blieb ich plötzlich an einer Szene hängen, die mir früher nie besonders wichtig erschienen war. Johnny Cash steht im Studio, der Produzent hört ihm zu. Dann unterbricht er ihn. Sinngemäß sagt er: „Ich glaube Ihnen nicht.“

Als ich die Szene früher gesehen hatte, dachte ich, sie handle von Musik. Diesmal traf sie mich an einer ganz anderen Stelle. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass sie von etwas handelt, das wir vermutlich alle kennen. Von dem Moment, in dem wir beginnen, Erwartungen anderer zu erfüllen. Von dem Moment, in dem wir anfangen, den Song zu spielen, von dem wir glauben, dass andere ihn hören wollen.

Und ich fragte mich: Ist es möglich, dass ich gerade dabei bin, genau das zu tun? Versuche ich gerade, so zu schreiben, wie man heute schreibt? Oder schreibe ich noch so, wie ich denke und fühle?

Diese Frage ließ mich nicht los, auch weil ich einen Zusammenhang zu meinen Arbeitsstörungen vermutete.

Meine Lehrer und mein eigener Song

Nachdem der Film zu Ende war, blieb ich noch eine Weile sitzen. Und merkwürdigerweise musste ich plötzlich an meine Lehrer denken. An Menschen, die für mich bedeutsam sind. Und deren Bücher und ihre Inhalte und besonderen Kompetenzen mich seit Jahren begleiten. Menschen wie, Arnold Retzer, Gunther Schmidt, Bernhard Trenkle, Fritz B. Simon oderGerald Hüther.

Viele ihrer Gedanken haben mein Denken und meine Art zu agieren geprägt. Wahrscheinlich mehr, als mir bewusst ist. Und doch wurde mir an diesem Abend etwas klar.

Lernen bedeutet nicht, die Gedanken seiner Lehrer zu kopieren. Und Loyalität bedeutet nicht, ihre Lieder weiterzusingen. Lernen bedeutet vielleicht etwas anderes. Es bedeutet, sich lange genug „berühren“ zu lassenund sich dadurch verändern zu lassen.

Um dann irgendwann eine Stimme zu finden, die weder ganz die eigene noch ganz die der Lehrer ist, sondern etwas Drittes. Etwas, das nur entstehen kann, wenn Erfahrungen, Begegnungen, Zweifel und Erkenntnisse zusammenkommen.

Vielleicht hätte der Produzent von Johnny Cash genau das gemeint, dass man irgendwann den eigenen Song spielen muss. Nicht aus Rebellion oder Unterordnung, sondern aus der eigenen Wahrhaftigkeit.

Vielleicht sind das alles dieselben Fragen

Es könnte sein, dass diese Webseite deshalb gar kein Projekt geworden ist. Vielleicht ist sie eher ein Wegweiser, der durch viele Gespräche, viele Fragen mit vielen Menschen entstanden ist.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, merke ich, dass manche dieser Gedanken später noch einmal eine andere Form gesucht haben. Zu Beginn waren sie Notizen, dann entstanden daraus Texte und irgendwann entstand diese Webseite. Und jetzt die beiden Bände der „Planetenkonferenzen“ und schließlich „Beziehungen in Bewegung“.

Interessanterweise nicht, weil ich neue Antworten gefunden hatte, sondern weil ich dieselben Fragen noch einmal anders ansehen wollte und in eine andere Form für andere bringen wollte. Die sollte poetischer, langsamer und strukturierter werden. Mit sehr viel mehr Vertrauen darauf, dass Menschen ihre eigenen Bedeutungen finden.

Wenn ich heute durch diese Texte blättere, habe ich nicht das Gefühl, unterschiedliche Werke vor mir zu haben. Es sind verschiedene Ausdrucksformen, wie Gespräche, Blogbeiträge, Geschichten oder Bücher derselben Suche.

Rückblickend kreisen sie alle um ähnliche Fragen:

Was hilft Menschen, lebendig zu bleiben?
Was trägt sie durch schwierige Zeiten?
Warum wachsen manche Menschen an Krisen und andere zerbrechen daran?
Und welche Rolle spielen die Beziehungen, in denen all das geschieht?

Was geblieben ist

Je älter ich werde, desto weniger interessieren mich endgültige Antworten. Dafür interessieren mich die Fragen immer mehr, die in mir und in uns bleiben. Die einen auf dem Nachhauseweg, beim Spaziergang oder einer Autofahrt begleiten. Oder manchmal mitten in der Nacht.

Dort gehört diese Webseite genau hin. Nicht an den Ort der Antworten. Sondern an den Ort der Fragen, die geblieben sind. Entstanden aus Begegnungen, aus Gesprächen, aus Zweifeln, aus Büchern mit Eselsohren und Notizen. Aus allen Menschen, die mich nachdenklich gemacht haben. Besonderer Dank kommt aktuell Laurens Kreißig zu, dem es gelungen ist, meine Sicherheiten und Wahrheiten immer wieder zu hinterfragen. Nur deshalb ist es uns gelungen, diese Webseite zu erschaffen.

Und wenn einer der Gedanken, die Sie hier finden, Sie noch eine Weile begleitet, dann wäre vermutlich mehr geschehen, als ich jemals planen könnte. Vielleicht ist das sogar das Schönste, was einem Gedanken passieren kann.

Dass er bleibt, ohne festgehalten werden zu müssen.

Autorenfoto Dr. Klaus-Dieter Dohne

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Dr. Klaus-Dieter Dohne

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