
Wir werden oft dort besonders kompetent, wo wir einmal besonders verletzlich waren
Über die erstaunliche Verbindung zwischen frühen Verletzungen, Bewältigungsstrategien und den Fähigkeiten, für die wir später geschätzt werden.
Vor einigen Jahren erzählte G. Schmidt eine Geschichte. Als junger Assistenzarzt verdiente er für damalige Verhältnisse außergewöhnlich gut. Voller Stolz fuhr er zu seinem Vater und erzählte ihm von seinem Gehalt. Sein Vater hörte ihm zu und fragte lediglich: „In der Woche, oder was?" Das Publikum lachte, ich auch, und dennoch blieb etwas in mir hängen. Nicht die Bemerkung selbst, sondern die Tatsache, dass sich Gunther Jahrzehnte später noch an genau diesen Satz erinnerte. Manche Sätze scheinen ein ganzes Leben zu überdauern. Vielleicht, weil sie weniger mit dem Augenblick zu tun haben, in dem sie ausgesprochen wurden, als mit einer Sehnsucht, einer Verletzung oder einer offenen Frage, die uns über Jahrzehnte begleitet.
Manchmal frage ich mich, ob wir Menschen genau dort besonders kompetent werden, wo wir einmal besonders verletzlich waren. Ob außergewöhnliche Fähigkeiten aus außergewöhnlichen Sehnsüchten entstehen. Ob unsere Lebenswerke Antworten auf Fragen sind, die lange vor unseren beruflichen Entscheidungen entstanden sind. Diese Frage beschäftigt mich, seit ich begonnen habe, mich nicht nur für die Kompetenzen von Menschen zu interessieren, sondern für ihre Herkunft.
Meine Mutter starb, als ich fünf Jahre alt war. Sie wurde nur 27 Jahre alt. Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, erinnere ich weniger konkrete Ereignisse als Stimmungen, Gefühle und Atmosphären. In den Familien meiner Eltern gab es verdeckte Allianzen, unausgesprochene Regeln, Bevorzugungen und Tabus. Mein Vater und ich standen oft etwas außerhalb. Wir trugen einen anderen Namen. Das erscheint aus heutiger Sicht vielleicht unbedeutend. Für ein Kind ist es das nicht. Kinder analysieren keine Familiensysteme. Sie spüren Zugehörigkeit, oder sie spüren deren fehlen.
Besonders eingeprägt hat sich mir ein Satz, den ich von meinem Vater immer wieder hörte: „Du bist schuld." Schuld am Tod meiner Mutter. Heute weiß ich, wie unmöglich dieser Gedanke ist. Ein fünfjähriges Kind trägt keine Schuld am Tod seiner Mutter. Damals wusste ich das nicht. Kinder prüfen solche Botschaften nicht auf ihren Wahrheitsgehalt. Sie nehmen sie in sich auf und machen sie zu einem Teil ihrer Wirklichkeit. Vielleicht konnte mein Vater den Verlust seiner Frau niemals wirklich überwinden. Vielleicht brauchte sein Schmerz einen Ort, an dem er landen konnte. Vielleicht brauchte er eine Erklärung für etwas, das letztlich nicht erklärbar war. Ich weiß es nicht. Was ich heute sehe, ist die Spur, die solche Erfahrungen hinterlassen können.
Vielleicht begann dort meine Beschäftigung mit der Schuldfrage. Vielleicht begann dort meine Sensibilität für Bewertungen, für Ausschluss und Zugehörigkeit, für die Frage, warum Menschen immer wieder Schuldige suchen, wenn sie Leid, Verlust oder Verunsicherung erleben. In der ASBG beschäftigen wir uns seit vielen Jahren mit diesen Fragen. Manchmal frage ich mich jedoch, ob meine Auseinandersetzung mit dem Thema viel älter ist als die ASBG. Vielleicht begann sie bei einem kleinen Jungen, der immer wieder hörte, schuld zu sein, und der irgendwann verstehen wollte, warum Menschen Schuld überhaupt so dringend brauchen.
Je älter ich werde, desto mehr verändert sich mein Blick auf menschliche Stärken. Früher sah ich Kompetenzen. Heute interessiert mich häufiger ihre Herkunft. Die Fähigkeit zuzuhören. Der Wunsch zu verstehen. Die Suche nach Fairness. Die Sehnsucht nach Verbindung. Vielleicht sind das Fähigkeiten. Vielleicht waren sie ursprünglich einmal Überlebensstrategien. Kinder entwickeln keine Konzepte. Sie entwickeln Lösungen. Später nennen wir diese Lösungen Charakter, Talent oder Berufung.
Deshalb beschäftigen mich Menschen wie Gerald Hüther, Gunther Schmidt oder Bernhard Trenkle. Nicht, weil ich glaube, ihre Biografien erklären zu können. Je älter ich werde, desto vorsichtiger werde ich mit solchen Erklärungen. Mich interessiert vielmehr die Möglichkeit, dass hinter einer besonderen Fähigkeit oft eine besondere Sehnsucht steht. Dass Menschen Experten für genau jene Fragen werden, die sie selbst ein Leben lang begleiten.
Wenn ich Gerald Hüther über Resonanz, Beziehung und Verbundenheit sprechen höre, frage ich mich manchmal, welche persönliche Sehnsucht einen Menschen über Jahrzehnte an genau dieses Thema bindet. Wenn ich an die Geschichte von Gunther Schmidt und seinem Vater denke, frage ich mich, wie eng die Fähigkeit zur Wertschätzung mit dem eigenen Erleben von Anerkennung verbunden sein könnte. Und wenn ich Bernhard Trenkle erlebe, mit seiner Liebe zu Geschichten, Metaphern und indirekten Zugängen, denke ich gelegentlich darüber nach, ob Kompetenzen nicht manchmal genau aus jenen Mustern entstehen, die uns ursprünglich geholfen haben, schwierige Situationen zu bewältigen. Als kreative Antworten auf die Herausforderungen des eigenen Lebens
Vielleicht suchen diese Menschen bis heute nach Antworten. Vielleicht haben sie bereits welche gefunden. Wahrscheinlich beides. Und vielleicht gilt das für uns alle.
Manchmal frage ich mich deshalb auch, ob die ASBG selbst aus einer Sehnsucht entstanden ist. Aus der Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Aus der Sehnsucht nach einem Miteinander, das nicht von Schuldzuweisungen lebt. Nach Beziehungen, in denen Unterschiede nicht sofort in richtig und falsch übersetzt werden. Nach Begegnungen, in denen Menschen neugierig bleiben können, auch wenn sie verschieden sind.
Vielleicht begann dort meine Suche. Die Suche nach Zusammenhängen statt nach Schuldigen. Nach Verstehen statt Verurteilen. Nach Beziehungen, die Menschen größer machen, statt kleiner. Vielleicht begann sie aber auch schon viel früher. Vielleicht bei einem kleinen Jungen, der verstehen wollte, warum Menschen Schuldige brauchen. Warum manche dazugehören und andere nicht. Warum Anerkennung so bedeutsam werden kann. Warum wir manches niemals ganz vergessen.
Heute glaube ich, dass viele Lebenswerke auf ähnliche Weise entstehen. Aus Fragen, die uns nicht mehr loslassen. Aus Erfahrungen, die schmerzhaft waren und die sich im Laufe des Lebens verwandeln. Manchmal so gründlich, dass wir am Ende nur noch die Kompetenz sehen und die Geschichte dahinter vergessen haben.
Manchmal kommt mir der Gedanke, dass viele unserer Fähigkeiten und Kompetenzen Denkmäler alter Herausforderungen sind.
Ein Denkmal erinnert an etwas, das bedeutsam war. An etwas, das Spuren hinterlassen hat. An einen Verlust. An einen Kampf. An eine Hoffnung. An eine Sehnsucht. Niemand errichtet ein Denkmal für etwas Belangloses.
Vielleicht verhält es sich mit unseren Kompetenzen ähnlich.
Vielleicht ist die Fähigkeit zuzuhören manchmal ein Denkmal für die Erfahrung, selbst nicht gehört worden zu sein.
Vielleicht ist die Suche nach Fairness ein Denkmal für erlebte Ungerechtigkeit.
Vielleicht ist die Sehnsucht nach Zugehörigkeit ein Denkmal für Momente des Ausschlusses.
Und vielleicht ist meine Beschäftigung mit der Schuldfrage ein Denkmal für die Versuche eines kleinen Jungen zu verstehen, warum Menschen Schuldige brauchen, wenn das Leben ihnen Rätsel aufgibt.
Wenn das stimmt, dann erscheinen unsere Fähigkeiten plötzlich in einem anderen Licht. Dann sind sie nicht nur Werkzeuge. Nicht nur Kompetenzen. Nicht nur berufliche Qualifikationen. Dann erzählen sie Geschichten. Geschichten darüber, was uns geprägt hat. Worunter wir gelitten haben. Was wir verstehen wollten. Und woran wir gewachsen sind.
Vielleicht sind unsere größten Kompetenzen deshalb keine Beweise dafür, dass wir unsere Verletzungen hinter uns gelassen haben. Vielleicht sind sie die Form, die diese Verletzungen im Laufe eines Lebens angenommen haben.
Aus einer Verletzung wird eine Fähigkeit.
Aus einer Sehnsucht eine Kompetenz.
Aus einer offenen Frage ein Lebenswerk.
Und vielleicht begegnet uns gerade darin etwas zutiefst Menschliches: Dass wir nicht trotz unserer Geschichte wachsen, sondern mit ihr. Dass die Narben unseres Lebens nicht nur Spuren vergangener Verletzungen sind, sondern manchmal auch die Quelle jener Fähigkeiten, mit denen wir anderen Menschen begegnen.
Je älter ich werde, desto plausibler erscheint mir deshalb ein Gedanke, der mich seit einiger Zeit begleitet:
Wir werden oft dort besonders kompetent, wo wir einmal besonders verletzlich waren.

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